02 April 2012

Ein Märchen

Sie wusste nicht, woher der Lärm kam oder wer ihn verursachte. Er war einfach da. Schon immer, das ist alles, woran sie sich jemals erinnern konnte. Jeder ihrer Schritte wurde von einem schrecklichen, Nerven zerreißendem Laut begleitet, so als würde jemand mit einem Stück Metall am Asphalt entlang schaben. Der Lärm war ein Stück ihres Körpers, so wie die langen Pfoten und der große schwere Schwanz, der beim Laufen hinterher schleifte und ständig irgendwo hängen blieb. 

Sogar abends, wenn sie in ihrer gemütlichen Hölle lag und die trockenen bunten Herbstblätter um sich scharte, um es sich für die Nacht gemütlicher zu machen, hatte sie ihn immer noch gehört. Und nachts, wenn sie ganz ruhig da lag und sich nicht bewegte, lebte der Geräusch weiter um sie herum.

Eigentlich mochte sie weder den Lärm noch ihren schwerfälligen Schwanz, doch all ihre Freunde und Verwandte besaßen den gleichen und waren sehr stolz darauf. 

Mit den Jahren gewöhnte sie sich daran und fing sogar an, eine Unruhe in sich zu verspüren, wenn es mal still wurde. In solchen Augenblicken, wenn niemand zugesehen hatte, sprang sie hoch, spitze ihre Ohren und hörte zu: Graaaaaaaaaaaaaaathsch, graatschhhhh. Und ihre Welt war wieder in Ordnung.

Eines Frühlings ging sie auf die Jagd und lief im Wald an einem See vorbei. Es war heiß, die Sonne schien durch das Laub hindurch und wärmte ihr Fell, also beschloss sie ein Bad zu nehmen. Sie näherte sich dem See, nahm Anlauf und sprang ins Wasser. Das kühle Nass streichelte ihren Körper, berührte die Schnurrhaare und die Pfoten und schloss sich plötzlich über ihrem Kopf. Sie schrie auf und versuchte wieder aus dem Wasser zu kommen, aber etwas zog sie mit unheimlicher Kraft nach unten, in die Tiefe. Sie presste die Lippen aufeinander und bewegte ihre Pfoten so schnell sie konnte. Die Luft wurde immer knapper und die Kräfte ließen unweigerlich nach. Sie paddelte und paddelte und irgendwann, nach einer ziemlich langen Weile war da wieder der feste Grund unter ihrem Bauch. Sie ließ sich fallen, lag eine Weile nur reglos da und atmete. Sie atmete und die Sekunden verstrichen und folgten den Frühlingsblüten, die von einer leichten warmen Brise durch die Luft gewirbelt wurden. Die Vögel sangen ihre Frühlingslieder und irgendwo in der Ferne hörte man einen Hund. 

Stille und Zufriedenheit umgaben sie. 

Sie schreckte hoch. Der Lärm! Er war verschwunden! Sie lief unruhig hin und her, sprang herum und schüttelte den Kopf – nichts. Ihr Kopf und ihr Körper fühlten sich mit einer bis jetzt noch nie da gewesenen Leichtigkeit. Sie sah nach hinten und stellte fest, dass anstelle ihres hässlichen Schwanzes nun ein kleines, leichtes, sonnengelbes Etwas sie schmückte. Es fühlte sich wunderbar und weich an. Sie lachte und fing an herumzutollen; die Welt schien in neuen Farben zu leuchten und neue Abenteuer warteten. 

Sie sah sich ein letztes Mal um, so als würde sie einen letzten Blick auf ihr altes Leben werfen. 

Dann lief los. Nach einer Weile verschwand sie im Wald hinter den Bäumen; schnell und leise.

Denn nur weil alle um dich herum ihre Lasten mit sich tragen, musst du es ihnen nicht gleich tun, um deinen Weg zu gehen.

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